RareNoiseRecords: Led Bib – Umbrella Weather

LED BIB Erkundet musikalische Grenzen auf RareNoise Debut UMBRELLA WEATHER

Mark Holub, Drums
Pete Grogan, Alto Saxophone
Chris Williams, Alto Saxophone
Liran Donin, Bass
Toby McLaren, Keyboard

Die experimentierfreudige und mutige Band Led Bib hat sich mit sieben Alben eine Reputation in der UK Jazz Szene erarbeitet, mit ausgedehnten Improvisationen und genre-übergreifenden, intensiven Exkursionen. AllMusic hat ihre einzigartige Jazzmarke beschrieben als „explosive enough to blow up your speakers“ derweil The Wire meint „This is the sound of a band having fun…like a hot chainsaw through butter.“ Für ihr RareNoise Debut, ergründet die 5-köpfige Londoner Band weiterhin neues Terrain auf Umbrella Weather.

Untermauert vom Schlagzeug des Gründers Mark Holub und den Basslinien von Liran Donin, optimiert mit Keyboard-Aktionen von Toby McLaren, und angeheizt von zwei Altsaxofonen von Peter Grogan und Chris Williams, kreiert Led Bib einen ganz eigenen Stil irgendwo zwischen John Zorn, Ornette Coleman, Charles Mingus und Eric Dolphy. Alles durchtränkt mit Jazz-Rock Sensitivität.

Vom eigenartigen „Lobster Terror“ zu den wilden Texturen des „Too Many Cooks“, vom chaotischen „Skeleton Key to the City“ bis zum turbulenten „At The Shopping Centre“, der expansiven 5-minütigen Ambient Jam „Insect Invasion“, und dem in Walzertakt überraschend lyrischen Abschluss „Goodbye“, hält diese großartige Truppe auf jedem Stück immer ein Element der Überraschung für den Hörer bereit. Und während „Ceasefire“, „The Boot“ oder das groove-lastige „Women’s Power“ sich wie gut gefertigte Kompositionen anhören, erklärt Holub, dass das meiste auf Umbrella Weather sich im Studio ganz organisch entwickelt, nicht zuletzt durch das gute kollektive Miteinander und den 13 Jahren gemeinsamer Erfahrungen in derselben Konstellation. „Wenig ist tatsächlich aufgeschrieben. Wir arbeiten im typischen Jazzstil mit Soli, die in fast jedem Stück komplett offen und frei sind. Dieses Konzept an freier Impro ist mittlerweile ein eigenes Genre, aber wir betrachten es auf eine andere Art und Weise: einige Stücke komponieren wir im Moment, das ist noch etwas anderes als die Assoziation des freien Improvisierens.“

Led Bib formierte sich 2003 als Teil von Mark Holub’s Abschlussarbeit an der Middlesex University. „Wir haben zunächst viele Besetzungen ausprobiert aber zur Zeit der ersten Plattenerscheinung 2005 (Arboretum, SLAM Productions), war die Fomation perfekt und sie ist seitdem so geblieben“, erklärt er. Holub zählt die Lebensläufe seiner Bandmates auf:

„Chris Williams ist womöglich der involvierteste von uns in der Jazzszene, aber definitiv mehr auf der zeitgenössischen Ebene. Er ist Mitbegründer von Let Spin und ein wichtiges Mitglied von Laura Cole’s Metamorphic.

Liran Donin arbeitet als Produzent in Jazz, Pop und World Music, außerhalb von Led Bib’s Schaffensbereich. Besonders hervorzuheben sind Namvula Rennie, Mulatu Astatke, Arun Ghosh and Chrissie Hynde.

Toby McLaren arbeitet ebenfalls als Produzent, zumeist in der Rockwelt. Er spielt Keyboard für The Heavy, eine Art Soul Rock Band, die in den USA erfolgreich sind. Er scheint im Moment mehr dort zu sein, als irgendwo sonst!

Und dann ist da Pete Grogan. Er spielt mit Alex Horne and the Horne Section, The Brothers Ignatius, The Heavy, derweil er mit Ed Sheeran im Studio ist, Musik arrangiert für einen Roald Dahl Film und überhaupt viel Sessions in diesem Genre spielt.“

Holub’s eigene Vorliebe Rock mit Jazz-Einfluss zu spielen, oder anders herum, wuchs mit der Zeit. Er erklärt „Als ich anfing Jazz zu spielen, kam ich mehr von einem Jam Band/experimentellen Rock Hinter- grund…Grateful Dead, Frank Zappa, Captain Beefheart. Und dann bin ich mehr in den Free Jazz der 60er gerutscht, insbesondere Ornette Coleman, aber auch Eric Dolphy, Charles Mingus und Miles Davis.“

Die beiden Altsaxofonisten Grogan und Williams sind charakteristisch für das punkige Jazz-Ensemble. „Die Idee kam durch Zufall“, sagt Holub. „Irgendjemand schlug einen zweiten Altsaxofonisten vor und ich dachte, ‚Hey, zwei Altos! Das könnte man machen!‘, ich denke ich mochte die ‚hässliche Schönheit‘ dieser Kombination. Es hat etwas Harsches zwei Altos zusammen spielen zu lassen, was gut klingt wenn die Musik heavy ist. Aber es hat auch etwas bittersüßes, wenn die beiden Timbres in den stilleren Momenten aufeinander treffen.“

Seit der Gründung vor 13 Jahren, hat diese vorausdenkende Jazzband einen kontrollierten Missklang und eine „hässliche Schönheit“ entwickelt, die wir auf Umbrella Weather hören können. „Über die Zeit, glaube ich, hat sich Led Bib recht weit von meiner ursprünglichen Vision entfernt“, sagt Holub. „Es ist ein Gruppenprojekt geworden, welches beeinflusst wird durch die Interessen der anderen Mitglieder, aber ich steuere das Schiff. Das ist was Led Bib für mich so besonders macht, dass der Sound eine natürliche Evolution durchlaufen hat, mit den Ideen und Einflüssen von uns allen, und nicht etwas Vorbestimmtes ist, was einem vorgegebenem Sound entspricht.“

TRACKS
1. Lobster Terror
2. Ceasefire
3. On The Roundabout
4. Fields Of Forgetfulness
5. Too Many Cooks
6. Women’s Power
7. Insect Invasion
8. At The Shopping Centre
9. Skeleton Key To The City
10. The Boot
11. Marching Orders
12. Goodbye

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Boomslang Records: Mats Gustafsson & Alfred Vogel

BLOW+BEAT
a duo recording of
MATS GUSTAFSSON (tenor / bariton & slide saxophon) and ALFRED VOGEL (drums & junk percussion)

„exquisite and excellent music – open up your ears folks!!!“ CONCERTO
The two musicians have been waiting for this since a long time. In summer 2016 they gave it a chance when Gustafsson played on Vogel´s festival BEZAU BEATZ with his power-free-jazz-trio THE THING. After a short holiday weekend Gustafsson was ready to blow and Vogel to beat. „my baritone never sounded any better“ claims the reed wizard while Vogel who was also doing the mix seems to be free as a bird can be – way up in the sky and down to earth …

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fixcel records: Kathrin Lemkes letzte CD „My Personal Heimat“

Kathrin Lemke - My Personal Heimat

Kathrin Lemke Quartett
MY PERSONAL HEIMAT

Im Juli 2015 war es Zeit für eine Standortbestimmung, eine Selbstreflexion, den Blick auf die eigenen musikalischen Wurzeln. So begab sich die Saxophonistin Kathrin Lemke mit ihrem Quartett, in dem Niko Meinhold am Piano, Adam Pultz Melbye am Bass und Michael Griener am Schlagzeug spielten, ins Studio H2 im Berliner Funkhaus Nalepastraße (in dem von 1956 bis 1990 der einstige „Rundfunk der DDR“ seinen Sitz hatte).

„My Personal Heimat“ wurde zum Titel der Einspielung, und Kathrin Lemke schaute weit zurück auf die Anfänge ihrer musikalischen Sozialisation, bis in ihre frühen Kinderjahre. In eine Zeit, als Jazz für sie noch irgendwo hinter dem musikalischen Horizont lag, die ersten Lieder aus der berühmten „Mundorgel“ geträllert wurden und Schlager aus den wenigen öffentlich-rechtlichen Sendern in Radio und Fernsehen tönten.

Wer konnte oder wollte sich im jugendlichen Alter den musikalischen Ohrwürmern entziehen? Und wie unbeeinflusst können einen diese Melodien der Jugend lassen?

Kathrin Lemke wusste um die Bedeutung ihrer musikalischen Heimat, konnte mit dem Material virtuos umgehen und bewegte sich damit in einer feinen Jazztradition – zieht sich die Veredelung von „Gassenhauern“ doch durch die gesamte Jazzgeschichte.

Es gehört die Liebe zu den Melodien dazu, das gute Zentrum der Kompositionen wahrzunehmen, und die Feinfühligkeit, um diese Inspirationen mit in einen ganz persönlichen Jazz-Ansatz zu übernehmen. Kathrin Lemke hat es getan und war nicht allein auf ihrer Entdeckungsreise, sie hatte ein großartiges Quartett zusammengestellt, das mit ihr diese Reise unternahm.

Es kamen einige auf den ersten Blick merkwürdige bis witzige Einflüsse zusammen. Musikalische „Perlen“ wie: „Ich wünsch´ mir ne kleine Miezekatze“, das „Lied der Schlümpfe“ oder „Captain Future“ – eine gewisse Traute gehört schon dazu, solche Titel auf ein Jazzalbum zu pressen.

Auch die Schallplatten, die im Elternhaus in Heidelberg zu hören waren, wurden zur Inspiration: „Am Rio Jarama“, das Revolutionslied  aus dem Spanischen Bürgerkrieg, und „Bella Ciao“, die Hymne der italienischen Antifaschisten, bis hin zum „Abschied vom Walde“ von Mendelssohn Bartholdy.

Die „Personal Heimat“ umfasst zudem Kathrin Lemkes persönliche  geographische Biographie: Ihre Wahlheimat Berlin ist zu hören mit „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ und natürlich das heimatliche Heidelberg ihrer Jugend mit „Ich hab´ mein Herz in Heidelberg verloren“.

Viele dieser Lieder haben einen musikalisch schlichten Kern, mit einfachen Melodien. Aber die leicht ironisch so genannten „Perlen“ verlieren die Gänsefüßchen mit der Transformation ins Jazzgenre. So wie sich Schichten von Perlmutt um ein Sandkorn legen und dieses Korn zu etwas ganz Neuem, Schimmerndem machen, so gelingt es Kathrin Lemke mit ihrem Quartett, die Qualitäten des Ausgangsmaterials zu veredeln, mit musikalischem Perlmutt zu umhüllen.

Da wird aus dem eh schon umtriebigen Berliner Bolle nach wenigen Takten ein im Free-Jazz-Feld hin- und her springender Hektiker. Adam Pultz Melbye gibt mit seinem Bass-Intro die dunkle Stimmung von „The House Of The Rising Sun“ vor, in der Meinhold und Lemke später im harmonischen Niemandsland umherpirschen. Und Michael Griener erzaubert in „Bella Ciao“ im Dialog mit Pultz Melbye pulsierende Rhythmusskulpturen.

Die düsteren Töne auf „My Personal Heimat“ lassen sich nicht überhören: „Captain Future“ wagt sich nur mit einem dünnen Saxophonstimmchen aus dem Dickicht von Schlagzeug, gestrichenem Bass und Piano heraus. Und „Ich hab´ mein Herz in Heidelberg verloren“ wird zum Funeral March.

Es ist  bitter, dass dieses musikalische Statement das letzte von Kathrin Lemke ist. Die Namensgeberin des Quartetts starb am 22. Januar 2016. Viel zu früh, nach langem Kampf mit einer tückischen Krankheit. Für ihre Angehörigen und Freunde ein unersetzlicher Verlust und ebenso für die Jazzszene. So wurde aus der Standortbestimmung nun
ihr musikalischer Nachlass.

Kathrin Lemkes letztes Studioalbum erscheint Ende Oktober 2016 – ein Jahr nachdem sie im Gewölbekeller des Jazzinstituts Darmstadt in der CD-Besetzung dieses Programm spielte. Es war ihr letztes Konzert. Wer dabei war, wird sich an Kathrins leuchtende Augen, ihre Freude an der Musik – auch am Sprechen über diese Musik – erinnern; und an ihre Lebensfreude. Wir können dankbar sein, sie gehabt zu haben, sie immer noch hören zu dürfen und dafür, dass Kathrin Lemke ihre musikalischen Spuren hinterlassen hat.

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