Ozella: Live Maria Roggen & Helge Lien – You

Die norwegische Sängerin Live Maria Roggen und ihr Landsmann, Pianist Helge Lien haben für ihr zweites Duo-Album „You“ neun Stücke von nordischen Musikern aus Folk, Pop und Jazz ins Englische übersetzt. Ihre kongenialen, einfühlsamen Neuinterpretationen sind eine Bereicherung für alle, die gutes Songwriting zu schätzen wissen und zeigen, dass Live & Lien derzeit zu den wichtigsten skandinavischen Musikern gehören.

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Neuklang: Rainer Tempel Bigband – Sophistication

„Vor zwanzig Jahren war Rainer Tempel noch ein Student in Nürnberg (Jazzklavier, Diplomarbeit 1998 über Vince Mendoza). Vor zwanzig Jahren erschien aber auch das erste Album der Rainer Tempel Bigband („vorwärts + zurück“, 1996).  Seitdem ist viel passiert: Rainer Tempel gründete eine ganze Reihe weiterer Bands, vom Trio bis zur Elftett-Stärke; er komponierte für klassische Musiker und Jazzensembles wie das Zürich Jazz Orchestra und die Bigbands von HR, RIAS, SWR und NDR (mit der er sogar einen Echo Jazz gewann für „Petite Fleur“, ACT 2014). Er war als Keyboarder in unterschiedlichsten Bands unterwegs – mit dem Jazz/HipHop-Trompeter Joo Kraus, dem Singer/Songwriter Ron Spielman oder der Dieter Thomas Kuhn Band; und er gab seine Erfahrungen weiter: als Professor an Musikhochschulen in Luzern und Stuttgart, hier hat er 2013 sogar die Leitung des Instituts für Jazz & Pop übernommen – kurz: er hat sich zu einem erfolgreichen, gefragten und vielseitigen Musiker entwickelt.

Der Titel seines neuen Albums: SOPHISTICATION spiegelt diese Geschichte wieder, die hier nur angedeutet werden konnte. Sophistication – das heißt soviel wie: Verfeinerung, aber auch: Erfahrenheit. Und das passt gut: es ist das fünfte Album mit der Rainer Tempel Bigband – und eine Art Comeback, denn in den vergangenen 14 Jahren hatte er (s.o.) nicht die Zeit gefunden, mit und für die eigene Bigband zu arbeiten. „Erst als wir wieder anfingen, wurde mir klar, wie sehr das der Kern meiner Tätigkeit ist. Ich mache das – ohne dass ich es gemerkt hätte – schon seit mehr als zwanzig Jahren. Und wenn ich mir die alten Charts anschaue, dann spricht alles dafür, dass man Sachen einfach wachsen lässt und dran bleibt auch, wenn der Wind sich dreht. Dann kann sich etwas entwickeln.“

In diesem Statement schwingt durchaus Selbstbewusstsein mit – und große Dankbarkeit. Denn SOPHISTICATION ist das Ergebnis langer, harter Arbeit. Und die Belohnung dafür. „Absolut. Und auch, wieder mit diesen Kollegen zu arbeiten!“ freut sich der Bandleader Tempel, der hier buchstäblich eine „All Star“-Band versammeln konnte, mit beispielsweise Christof Lauer, Hubert Nuss und Claus Stötter (der einst für den 16-jährigen Rainer Tempel ein wichtiges Vorbild war), Christian Weidner und Nils Wogram, zwei profilierte Stimmen, die auch schon 2009 beim „Tempelektrisch“-Projekt mit dabei waren […]. „Das sind alles Leute, mit denen ich immer wieder gearbeitet habe, und mit denen ich auch in unterschiedlichen Kontexten eine gemeinsame Haltung gefunden habe“. […]

Sophistikation ist ein lebendiger Prozess, der in Traditionen wurzelt – und sie fortschreibt. Das Album SOPHISTICATION ist das Ergebnis eines solchen Reife-Prozesses. Oder wie Rainer Tempel schreibt: „Wir sind lebenslang Studenten, wir schauen nach vorne – und gleichzeitig zurück, wir graben tiefer und tiefer. Das ist meine Definition von Sophistication.“ Tobias Richtsteig

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fixcel records: Kathrin Lemkes letzte CD „My Personal Heimat“

Kathrin Lemke - My Personal Heimat

Kathrin Lemke Quartett
MY PERSONAL HEIMAT

Im Juli 2015 war es Zeit für eine Standortbestimmung, eine Selbstreflexion, den Blick auf die eigenen musikalischen Wurzeln. So begab sich die Saxophonistin Kathrin Lemke mit ihrem Quartett, in dem Niko Meinhold am Piano, Adam Pultz Melbye am Bass und Michael Griener am Schlagzeug spielten, ins Studio H2 im Berliner Funkhaus Nalepastraße (in dem von 1956 bis 1990 der einstige „Rundfunk der DDR“ seinen Sitz hatte).

„My Personal Heimat“ wurde zum Titel der Einspielung, und Kathrin Lemke schaute weit zurück auf die Anfänge ihrer musikalischen Sozialisation, bis in ihre frühen Kinderjahre. In eine Zeit, als Jazz für sie noch irgendwo hinter dem musikalischen Horizont lag, die ersten Lieder aus der berühmten „Mundorgel“ geträllert wurden und Schlager aus den wenigen öffentlich-rechtlichen Sendern in Radio und Fernsehen tönten.

Wer konnte oder wollte sich im jugendlichen Alter den musikalischen Ohrwürmern entziehen? Und wie unbeeinflusst können einen diese Melodien der Jugend lassen?

Kathrin Lemke wusste um die Bedeutung ihrer musikalischen Heimat, konnte mit dem Material virtuos umgehen und bewegte sich damit in einer feinen Jazztradition – zieht sich die Veredelung von „Gassenhauern“ doch durch die gesamte Jazzgeschichte.

Es gehört die Liebe zu den Melodien dazu, das gute Zentrum der Kompositionen wahrzunehmen, und die Feinfühligkeit, um diese Inspirationen mit in einen ganz persönlichen Jazz-Ansatz zu übernehmen. Kathrin Lemke hat es getan und war nicht allein auf ihrer Entdeckungsreise, sie hatte ein großartiges Quartett zusammengestellt, das mit ihr diese Reise unternahm.

Es kamen einige auf den ersten Blick merkwürdige bis witzige Einflüsse zusammen. Musikalische „Perlen“ wie: „Ich wünsch´ mir ne kleine Miezekatze“, das „Lied der Schlümpfe“ oder „Captain Future“ – eine gewisse Traute gehört schon dazu, solche Titel auf ein Jazzalbum zu pressen.

Auch die Schallplatten, die im Elternhaus in Heidelberg zu hören waren, wurden zur Inspiration: „Am Rio Jarama“, das Revolutionslied  aus dem Spanischen Bürgerkrieg, und „Bella Ciao“, die Hymne der italienischen Antifaschisten, bis hin zum „Abschied vom Walde“ von Mendelssohn Bartholdy.

Die „Personal Heimat“ umfasst zudem Kathrin Lemkes persönliche  geographische Biographie: Ihre Wahlheimat Berlin ist zu hören mit „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ und natürlich das heimatliche Heidelberg ihrer Jugend mit „Ich hab´ mein Herz in Heidelberg verloren“.

Viele dieser Lieder haben einen musikalisch schlichten Kern, mit einfachen Melodien. Aber die leicht ironisch so genannten „Perlen“ verlieren die Gänsefüßchen mit der Transformation ins Jazzgenre. So wie sich Schichten von Perlmutt um ein Sandkorn legen und dieses Korn zu etwas ganz Neuem, Schimmerndem machen, so gelingt es Kathrin Lemke mit ihrem Quartett, die Qualitäten des Ausgangsmaterials zu veredeln, mit musikalischem Perlmutt zu umhüllen.

Da wird aus dem eh schon umtriebigen Berliner Bolle nach wenigen Takten ein im Free-Jazz-Feld hin- und her springender Hektiker. Adam Pultz Melbye gibt mit seinem Bass-Intro die dunkle Stimmung von „The House Of The Rising Sun“ vor, in der Meinhold und Lemke später im harmonischen Niemandsland umherpirschen. Und Michael Griener erzaubert in „Bella Ciao“ im Dialog mit Pultz Melbye pulsierende Rhythmusskulpturen.

Die düsteren Töne auf „My Personal Heimat“ lassen sich nicht überhören: „Captain Future“ wagt sich nur mit einem dünnen Saxophonstimmchen aus dem Dickicht von Schlagzeug, gestrichenem Bass und Piano heraus. Und „Ich hab´ mein Herz in Heidelberg verloren“ wird zum Funeral March.

Es ist  bitter, dass dieses musikalische Statement das letzte von Kathrin Lemke ist. Die Namensgeberin des Quartetts starb am 22. Januar 2016. Viel zu früh, nach langem Kampf mit einer tückischen Krankheit. Für ihre Angehörigen und Freunde ein unersetzlicher Verlust und ebenso für die Jazzszene. So wurde aus der Standortbestimmung nun
ihr musikalischer Nachlass.

Kathrin Lemkes letztes Studioalbum erscheint Ende Oktober 2016 – ein Jahr nachdem sie im Gewölbekeller des Jazzinstituts Darmstadt in der CD-Besetzung dieses Programm spielte. Es war ihr letztes Konzert. Wer dabei war, wird sich an Kathrins leuchtende Augen, ihre Freude an der Musik – auch am Sprechen über diese Musik – erinnern; und an ihre Lebensfreude. Wir können dankbar sein, sie gehabt zu haben, sie immer noch hören zu dürfen und dafür, dass Kathrin Lemke ihre musikalischen Spuren hinterlassen hat.

fixcel records

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